Der deutsche Autofahrer. Versuch einer Annäherung.

Hui, jetzt regt er sich auf, der Deutsche. Genauer gesagt, der deutsche Autofahrer. Denn nicht nur, dass das Benzin mal wieder teurer wird, nein, auch der Dieselskandal regt ihn auf. Und die Feinstaubdebatte erst. Autos haben ja derzeit eh nicht den besten Ruf. Klimakatastrophe und so. Da sind Gefährte, die raffiniertes Erdöl zu viel CO2 verbrennen, nicht gerade hoch angesehen.

Der deutsche Autofahrer regt sich sogar so sehr auf, dass er wegen leicht gestiegener Spritpreise an einem Tag nicht tanken möchte. Er nennt das Boykott und tankt dafür einen Tag später. Oder früher. Die unglaubliche Dämlichkeit dieses Vorhabens hat Mimikama schon bestens beschrieben: https://bit.ly/2znqnIB

Der deutsche Autofahrer will einfach weiter sein Auto fahren. Koste es, was es wolle. Oder besser: koste es so wenig wie möglich. Und nein, am lautesten schreien – zumindest in meiner Filterblase – nicht etwa einkommensschwache Kleinwagenbesitzer. Viel lauter sind die Mittelklasse-Autofahrer und Mittelschicht-Angehörigen. Am besten noch die im mittleren Alter. denn unter jungen Menschen ist das eigene Auto eigentlich kein Thema mehr. Von zutiefst ländlichen Gebieten wie Hunsrück, Nordpfalz oder Eifel einmal abgesehen.

Was schmeckt ihm also nicht, dem deutschen Autofahrer? Regt er sich in als Dieselbesitzer etwa darüber auf, dass die großen deutschen Autobauer, also quasi alle, bei den Stickoxidgrenzwerten nicht nur ein bisschen behumst, sondern in großem Stil betrogen und gelogen haben?

Nö.

Er regt sich lieber darüber auf, dass er trotz gefälschter Grenzwerte nicht einfach so mit seinem Auto weiter durch die Gegend gondeln darf. Schuld daran ist für ihn da nicht etwa die betrügerische Automobilindustrie, sondern Staat und EU, die nun die Einhaltung von Grenzwerten umsetzen.

Und in der Stickoxid-Debatte in diesem Internet wird’s dann endgültig dämlich. Da wird dann darüber debattiert, dass doch ein Raucher freiwillig viel mehr Stickoxid zu sich nimmt. So pro Zigarette. Stimmt. Die Dinger sollen ja auch gesundheitsschädlich sein, ist zu hören. Oder dass am Arbeitsplatz der Grenzwert höher liege. Ja, stimmt auch.

Anwohner viel befahrener Straßen sind im Zweifel aber den ganzen Tag den Abgasen von Pkws ausgesetzt. Wohlgemerkt: nicht von einem Auto. Sondern von vielen. Bei vielbefahrenen Straßen – und um die geht es ja schließlich – sogar von Tausenden. Also Grenzwert mal Tausend. Denn so Abgase wabern ja weiter, auch wenn das Auto längst weg ist. Und auf einmal ist’s am Arbeitsplatz sehr gemütlich.

Elektro-Autos mag er auch nicht, der deutsche Autofahrer. Denn damit ist es nicht ganz so bequem wie mit dem Kraftstofffahrzeug. Man lädt beim E-Auto länger als man mit dem B- oder D-Auto an der Tankstelle steht. Das ist wenig bequem. Und man kann nicht gar so weit fahren wie mit dem Kraftstofffahrzeug.

Da kommen dann schnell die Argumente, dass ja so ein E-Auto viel umweltschädlicher in der Herstellung sei. Wegen Batterien und so. Stimmt. Lithium-Batterien sind ziemlich umweltschädlich in der Herstellung. Was dabei übersehen wird: Lithium mag Mist sein, trägt aber (jenseits des Abbaus) nicht zum Klimawandel bei. Im Gegensatz zum Kraftstofffahrzeug. Das trägt zum Klimaandel bei. Gar nicht mal so wenig. Und mit dem Finger auf andere zeigen, zum Beispiel die Kreuzfahrtindustrie, ist auch nicht zielführend – sondern reinster Whataboutism.

Was komplett übersehen wird: Das Elektroauto ist eine Übergangstechnologie. Andere Batterieformen werden bereits genauso entwickelt wie andere Formen der Fortbewegung, die wahrscheinlich ganz weg vom Auto führen. Aber irgendwo müssen wir anfangen. Wir haben nur noch wenige Jahre zur Verhinderung der schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe.

Und wer jetzt mit anderen Antriebsarten kommt, Erdgas oder auch Wasserstoff: Die Nutzung fossiler Brennstoffe ist auch dämlich wenn es um Erdgas geht. Und viel Energie einsetzten, um einen Brennstoff zu erzeugen, der diese Energie beim Verbrennen dann wieder abgibt, ist vielleicht auch nicht ideal. Und ließe, selbst wenn diese Technologien die besseren wären, noch weniger Zeit, um dem Klimawandel entgegenzutreten. Denn für diese Antriebsarten gibt es noch weniger Infrastruktur.

Da bleibt der deutsche Autofahrer lieber bei seinem Liebling. Dem SUV. Geländegängig aussehende, extrem breite und schwere Mini-Lkw, die als Pkw verkauft werden, richtig viel schlucken und in der Hauptsache Innenstadtstraßen noch weiter verstopfen.

Auf denen findet der deutsche Autofahrer dann auch seinen schlimmsten Feind. Den mag er gar nicht. Denn er macht ihm Straßenraum streitig. Ihm, dem deutschen Autofahrer. Dem König der Straße. Und dann sind diese Radfahrer auch noch so überheblich, überhaupt kein CO2 zu produzieren. Noch nicht einmal Stickoxid. Schlimm!

Der deutsche Autofahrer, oder doch zumindest der deutsche Autofahrer, die am liebsten alles so haben möchte, wie er es noch aus den 90er Jahren kennt, ist ein Realitätsverweigerer. Das wäre nicht weiter schlimm. Realitätsverweigerer gibt es viele. Aber diese speziellen Realitätsverweigerer sind gefährlich.

Gefährlich, weil sie dazu beitragen, die Welt zu einem schlimmeren Ort zu machen. Nicht, weil sie das gut finden, sondern weil sie so ignorant sind, dass sie ihre Wut noch nicht einmal gegen jene wenden, denen sie den Schlamassel zu verdanken haben, sondern einfach nur alles so lassen wollen, wie es bequemerweise derzeit noch ist.

P.S.: Der Autor besitzt ein Auto. Fiat Punto, ein Golfklassemodell aus dem Jahr 2007. Er besitzt auch ein Fahrrad, dass er zu selten einsetzt. Und in 2019 dann hoffentlich ein E-Auto statt eines Benziners.

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